Beyond Tellerrand 2015 in Düsseldorf

Beyond Tellerrand 2015 in Düsseldorf

Fünf Jahre Beyond Tellerrand und mittlerweile zwei Veranstaltungen pro Jahr - der Gründer und quasi Allein-Organisator Marc Thiele konnte es selber kaum fassen, als er Anfang der Woche im Capitol Theater in Düsseldorf erneut die Tore für hunderte Interessierte öffnete.

Die Konferenz ist mittlerweile mehr als ein Geheim-Tipp und so waren auch dieses Mal schon Monate im Voraus alle Tickets verkauft und entsprechend wuselig wurde es auch im Theater. Stuhl um Stuhl besetzten Designer, Entwickler, Projektmanager und Andere aus unterschiedlichen Ländern den Theatersaal und warteten gespannt auf den Beginn der Veranstaltung. Marc Thiele eröffnet wie jedes Jahr die Veranstaltung mit ein paar kurzen Worten. Marc ist kein geborener Sprecher auf Bühnen, deutlich nervös und zittrig in der Stimme und mit pragmatischem Englisch begrüßt er alle Angereisten. Er erzählt von den letzten 5 Jahren, von Erlebnissen in der ganzen Zeit und man merkt schnell, wie leidenschaftlich er für die Beyond Tellerrand alles gibt, um eine ohnehin schon gute Veranstaltung jedes Jahr besser zu machen.

Menschen lieben Geschichten

Mit Simon Collison eröffnet ein langjähriger Freund von Marc die Konferenz. Simon war auch schon auf der ersten Konferenz als Speaker geladen und hat seine ganz persönliche Geschichte mit der Konferenz. Auf der zweiten Ausgabe lernte er seine zukünftige Frau kennen, die auf der damaligen Beyond Tellerrand sprach. Schon in dieser Session kam sofort wieder dieses besondere Gefühl hoch, dass sich die weite Anreise für mich sowohl fachlich als auch persönlich lohnen wird. Simon nutzte seinen Vortrag dazu, die letzten 5 Jahre einmal Revue passieren zu lassen und erzählte sowohl über private Veränderungen als auch berufliche Veränderungen in seinem Leben.

Der berufliche Teil artete irgendwo mittendrin in einen nachvollziehbaren Rant mit einem Augenzwinkern aus. Als Designer muss Simon heutzutage eine endlose „Tool-Chain“ beherrschen, um Webseiten zu designen und die meisten Anwesenden pflichteten ihm mit Applaus bei. Noch am gleichen Abend inspirierte mich Simons Session dazu, einmal selber die letzten 5 Jahre in Gedanken abzurufen, unglaublich was in so einer Zeitspanne alles passieren kann. Nach einem hervorragenden Einstieg folgten weitere gute Sessions. Peter-Paul Koch erzählte von seiner Arbeit in der er verschiedene mobile Browser auf ihre Fähigkeiten testet und entlarvt, dass eigentlich jeder Gerätehersteller eine eigene Version von Chrome in seinen Geräten verbaut und dies verschiedene Probleme, gerade für mobile Seiten mit sich bringt. Aber nicht nur er beschäftigt sich mit Chaos. Auch Sara Wachter-Boettcher verdient ihre Brötchen mit Chaos, genauer gesagt mit dem Ordnen und Restrukturieren von chaotischen Inhalten ihrer Kunden. Anhand von Beispielen erläutert sie ihr Vorgehen, Firmen dabei zu helfen ihre Inhalte neu zu entdecken, zu strukturieren und sinnvoll Nutzern zu präsentieren.

Schon zur Halbzeit des ersten Tages wird schnell klar, dass Marc auch in diesem Jahr wieder ein gutes Händchen bei der Auswahl der Speaker bewiesen hat. Es sind durchweg alles Menschen, die nach Düsseldorf gekommen sind, um ihre Geschichte zu erzählen und nur nebenbei über ihren Fachbereich zu erzählen. Am ersten Tag stachen hierbei besonders noch zwei Sessions heraus, die mich von der ersten Sekunde an fesselten. Die sympathischen Anton & Irene, User Experience Director und Creative Director in der eigenen Agentur, erzählten von ihren Erfahrungen beim Pitching für unterschiedliche Projekte. Ungewöhnlich offen ließen beide tief in ihre Arbeitsabläufe blicken und mussten quasi von der Bühne gefegt werden, weil sie mit ihren Stories gnadenlos den Zeitplan strapazierten; ich hätte den Beiden noch gern länger zugehört. Den Abschluss des ersten Tages leitete Jeffrey Veen in der Abendsession ein. Jeffrey erzählte von seiner Arbeit bei Typekit und wie sie dort eine produktive und kreative Arbeitsumgebung geschaffen haben. Sympathisch offen erzählt er auch von Fehlern und den daraus erzielten Erkenntnissen und sorgte für eine Menge beschriebenem Papier während der knappen Stunde seines Vortrags.

Von Visas und Macheten

Der zweite Tag wurde stückweit ein sehr emotionaler Tag. Der zweite Slot des Tages war für Sara Soueidan aus dem Libanon reserviert, lange war unklar ob Sie auf Grund von Visa-Problemen überhaupt anreisen kann. Dank Marc und Freunden gelang es schließlich, Sara in Düsseldorf über ihre Leidenschaft zu sprechen zu lassen, über SVG’s. Doch bevor sie mit dem eigentlichen Thema begann, bedankte sie sich herzlich und erzählte den Tränen nah wie begeistert sie von der Veranstaltung und generell von der ganzen Atmosphäre ist. Den wohl interessantesten Vortragsstil hatte dann meiner Meinung nach Petro Salema. In seinem Vortrag „Designing Interfaces that think“ beschäftigte er sich mit der Aufmerksamkeitsspanne von Menschen und deren Limitierung. Er fand einen sehr ungewöhnlichen Einstieg in den Vortrag, indem er von einer prägenden Erfahrung aus seiner Kindheit erzählte. Der gebürtige Tansanier erzählt die Geschichte einer Nah-Tod-Erfahrung aus seiner Heimat, in der ein wahnsinniger mit einer Machete bewaffnet ihn und einen Freund im Alter von 6 Jahren durch die Graslandschaft jagt. Er erzählt wie er sich nur noch an das Gras erinnert, welches er berührte und erst später wurde mir und dem Rest des Publikums klar, warum er genau diese Geschichte erzählte. Seine Aufmerksamkeit damals galt der Flucht und dieses Gefühl von Gras, welches seine Füße berührten ist als Gefühl in Erinnerung geblieben. Aber nicht nur der Beginn war sehr ungewöhnlich, auch die schon predigende Art seines Vortrages hatte etwas fesselndes, alles ergab nachvollziehbar Sinn und die Struktur seiner Argumente war hervorragend. Die Erkenntnis ist, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne die am meisten limitierte Bandbreite für uns darstellt.

Unsere Geräte müssen lernen welche Identität wir haben und relevante Informationen sortiert, gruppiert und kontextuell richtig zu liefern. Identität meint dabei nicht eine Telefonnnummer, ein Passwort oder einen Nutzeraccount sondern meint eine Gruppierungen an Meta-Informationen über uns. Wer wir sind soll darüber bestimmt werden, wen wir kennen, mit wem wir zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort sind. Daraus soll sich dann mit Hilfe von Algorithmen bestimmen lassen, welche Information von Apps für uns in welcher Situation relevant ist. Auch in diesem Beitrag möchte ich umbedingt die Empfehlung geben, das Video-Archiv von der Konferenz in die Lesezeichen-Liste aufzunehmen. Es lohnt sich definitiv einmal reinzuschauen und vielleicht sieht man sich ja bei der nächsten Beyond Tellerrand!